Freitag, 18. August 2017

Giacinta / Luigi Capuana

©e_mager 
Die kleine Giacinta wird von Geburt an von ihrer Mutter abgelehnt, die nur selbstsüchtig auf Geld und eine gute gesellschaftliche Stellung aus ist. Sie wird bis zum Alter von 5 Jahren bei einer Amme aufs Land gegeben, wo sie ziemlich verwahrlost und wie ein kleines wildes Tier aufwächst. Als es der Mutter endlich in den Kram passt, wird Giacinta  wieder nach Hause geholt, wo sie mehr oder weniger sich selbst überlassen ist. Anstatt wie vorher auf dem Land recht frei herumzutollen, ist sie nun auf ein Zimmer mit Aussicht auf den eng ummauerten Garten angewiesen. Sie hat keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen. Einzig der Vater ist ihr liebevoll zugetan, aber auch dieser steht unter dem Pantoffel von Giacintas Mutter. Als diese ziemlich unüberlegt einen jungen Mann als Gärtner engagiert, findet Giacinta endlich einen lustigen Kamerad, der Zeit für sie hat. Beppe freut sich, wenn Giacinta zu ihm in den Garten kommt und er hat immer allerlei Späße für sie in petto. Doch ohne dass Giacinta es bemerkt, wandeln sich diese Späße immer mehr zu sexuellen Handlungen bis hin zur handfesten, von Giacinta heftigst abgelehnten Vergewaltigung. Als eine Magd die beiden erwischt, wird Beppe entlassen. Die entsetzte Mutter weiß sich keinen anderen Rat als Giacinta auf ein Internat zu schicken bis sie erwachsen ist.
Wieder im elterlichen Haus, versucht die Mutter mit groß angelegten Festen und Einladungen ihre Tochter mit einer einigermaßen guten Partie zu verheiraten. Der Makel der Vergewaltigung in jungem Alter ist stadtbekannt und deshalb kann man nicht wählerisch sein. Die wunderschöne Giacinta spielt gekonnt auf dem gesellschaftlichen Parkett und schart eine ganze Gruppe junger Männer um sich herum. Innerlich ist sie jedoch teilnahmslos und überhaupt nicht auf eine Ehe aus. Einzig Andrea, ein lebenslustiger und unterhaltsamer junger Mann aus Neapel, kann ihr Herz gewinnen. Da Giacinta aber zutiefst misstrauisch ist und eine abgrundtiefe Angst vor Enttäuschung hat, lässt sie eine Liebesbeziehung nur außerhalb einer Ehe zu.
„Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden, aber mein Ehemann, nein, niemals.“ (S.23)
Andrea, der Giacinta aufrichtig liebt, ist einverstanden, dass sie zum Schein und wegen des guten Namens, den etwas schwachsinnigen Grafen Grippa di San Celso heiratet. Ein skandalöses Leben in einer ungewöhnlichen Ménage-à-trois beginnt und nimmt einen verheerenden Verlauf.
Luigi Capuana schildert dieses Psychogramm einer jungen, weiblichen Seele so schonungslos und präzise, dass der Roman bei seinem ersten Erscheinen 1879 in Italien einen Skandal auslöst und nach sechs Monaten ausverkauft ist. Erst 1886 gibt es eine entschärfte Version, die genau wie weitere Ausgaben nie den Erfolg der Erstausgabe wiederholen können. Erst 1980 erscheint bei Mondadori die Neuauflage nach dem Urtext des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Originals, auf das sich auch die vorliegende Übersetzung von Angela Oster ins Deutsche stützt.
Diese liest sich hervorragend flüssig und modern, obwohl sie im Sprachduktus auf die Zeit, in der das Buch spielt, Rücksicht nimmt. Ich habe das sehr schön editierte Buch in einem Rutsch durchgelesen, allerdings häufig kopfschüttelnd. Nicht wegen der „skandalösen“ Begebenheiten, die uns heute keine Empörung mehr entlocken, sondern wegen der wirklich abstrusen Gedankenwelt Giacintas. Capuanas Buch gilt als erster Vertreter der in den 1870er Jahren in Italien neu entstanden Gattung des Verismo, der von Zola und Tolstoi beeinflusst war. Dieser zeichnet sich durch übersteigerten Realismus in der Beschreibung von vor allem sozialkritischen Begebenheiten aus. Bei Capuana sind es die neuen psychologischen und medizinischen Erkenntnisse Mitte des 19. Jahrhunderts, die er mit der Lebensgeschichte der Giacinta illustrieren möchte.
Für Èmile Zola
Ich bin mir gewiss, ein Buch geschrieben zu haben, das weder scheinheilig noch unmoralisch ist. Wäre ich doch ebenso sicher, geschaffen zu haben, was in meiner Absicht stand – ein wahres Kunstwerk! (Widmung)
Ein interessantes Buch, das es verdient hat, aus der Vergessenheit geholt worden zu sein, auch wenn es nicht so stark ist, wie die Klassiker Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest, mit denen es auf dem Schutzumschlag verglichen wird.
Mir gefällt es sehr, wenn ich „historische“ Stoffe von zeitgenössischen Autoren lesen kann, so wie  z.B. auch die Neuausgabe von Gabriele Tergits  „Käsebier erobert Berlin“. So erlebe ich eine kleine, sehr authentische Zeitreise. Ich freue mich, dass die Verlage diese Kostbarkeiten wieder ans Licht holen und nicht immer nur neue Autoren herausgeben.
Über den Autor:
Luigi Capuana (1839–1915), Sohn sizilianischer Landbesitzer, lebte nach einem abgebrochenen Jurastudium als Theaterkritiker in Mailand, Florenz und Turin. Er schrieb zahlreiche Novellen, drei Romane und sammelte Volksmärchen. «Giacinta» wurde bei Veröffentlichung zu einem Riesenerfolg. 1886 erschien nach empörtem Echo der Kritik eine zweite, «entschärfte» Version. (Verlagstext)
Dieser Artikel ist der sechste aus meiner Reihe zu aktuellen Übersetzungen aus dem Italienischen: Gastland Italien

Samstag, 5. August 2017

Verfahren eingestellt / Claudio Magris

Unter den Übersetzungen aus dem Italienischen, die in der letzten Zeit erschienen sind und die meine Aufmerksamkeit errungen haben, bildet dieser Titel sicherlich eine Ausnahme. Um es kurz und allzu salopp auszudrücken: „Schwere Kost“.
Dr. Claudio Magris studierte an den Universitäten Turin und Freiburg im Breisgau Germanistik. Er ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine zahlreichen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien. Claudio Magris lebt in Triest und spricht seinen fast als eigene Sprache bezeichneten Triestiner Dialekt. (Quelle: Wikipedia abgerufen am 5.8.2017)
Er ist also kein Romancier im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Wissenschaftler, was man seinem Buch sehr anmerkt. „Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants.“ (Ebenfalls Wikipedia s.o.)
Als Warnung vor der Gegenwart des Krieges ist auch dieses Buch zu verstehen.
„Ich kämpfe nicht gegen das Vergessen, sondern gegen das Vergessen des Vergessens, gegen die schuldhafte Unbewusstheit, vergessen zu haben, vergessen haben zu wollen, nicht wissen zu wollen und nicht wissen zu können, dass es etwas Entsetzliches gibt, das man vergessen wollte – sollte?“
Das Buch erzählt die Geschichte eines grotesken Museums der Gewalt für eine Zukunft in Frieden und des Mannes, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, alle Erinnerungsstücke dafür mühselig zusammen zu tragen: vom alten Panzer, einem gebrauchten U-Boot, verrosteten Teilen kleiner Handwaffen aus allen Teilen der Welt, Videosequenzen aus alten Wochenschauen bis hin zu Abschriften aus den Todeszellen des ehemaligen Konzentrationslagers „La Risiera di San Sabba“ in Triest. Er selbst erlebt die Fertigstellung seines Museums nicht, da er in einer Nacht, als er inmitten seiner gesammelten Stücke in einem leeren Sarg eingeschlafen ist, bei einem Großfeuer verbrannt ist. Luisa, seine Assistentin,  macht es sich zur Aufgabe, aus den immer noch zahlreichen Resten der Sammlung das Museum gegen das Vergessen einzurichten. Vor allem die Notizbücher mit den Abschriften der Zellenwände sind für die Nachwelt interessant und gefürchtet. Die Erben möchten nicht, dass diese veröffentlicht werden. Wichtige Persönlichkeiten in Triest befürchten immer noch, dass herauskommen könnte, wer sich von ihnen oder ihren Vorfahren schuldig gemacht hat. Wie viele der Notizbücher den, vielleicht sogar vorsätzlich gelegten, Brand überstanden haben, ist nicht bekannt. Man hofft allgemein, dass die Beweise nicht reichen und daher ein wie auch immer geartetes Verfahren eingestellt wird. „Über diese Schande, diese ehemalige Triester Reisfabrik, in der die Nationalsozialisten einige tausend Menschen umgebracht hatten oder hingeschickt, um sie dort umbringen zu lassen – im Schweigen der Allgemeinheit, das auch nach dem Krieg noch anhielt –, begann man nun endlich zu reden, was manch einen in Verlegenheit brachte.“ (S.22)
Luisas eigene Lebensgeschichte ist der zweite Erzählstrang des Buches. Sie ist die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, Nachfahrin von Diaspora und Sklavenhandel. Hier erfährt der Leser viel über Schuld, Gewalt und Krieg in anderen Teilen der Welt und wie alles mit allem zusammenhängt. Diese Kapitel haben mir sehr gefallen, da Magris hier wirklich eine romanhafte Erzählung gelingt.
Mir scheint, Magris hat mit den einzelnen Kapiteln selbst ein Museum der Gewalt errichtet. Die Geschichten sind so zahlreich und muten unsortiert an, als ob man in einem riesigen, verstaubten, unsortierten Museum von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück wandert. Man begreift die Intention, wird aber nicht wirklich ergriffen. Zumindest habe ich einiges über Triest und das einzige Vernichtungslager Italiens gelernt. Ich habe auch eingesehen, wie sehr nach dem Krieg, nach allen Kriegen, vertuscht und gelogen wird, um „ehrenwerte“ Herrschaften nicht zu belasten. Hier hat der Roman seinen Zweck erfüllt.
„Man hat den Müll ins Meer geschüttet, ins Flusstal, sie haben uns hier ausgeladen, zwischen dem Patòc und dem Meer, das Wasser kann hier nicht sehr tief sein, aber wir gehen unter, hinunter, Müll ins Meer zu kippen ist ein Verbrechen, ebenso Menschen hineinzuwerfen, aber der Richter erklärt: Das Verfahren wird eingestellt. (S. 399)
Große Mühe hatte ich auch mit den ellenlangen Sätzen und mühsamen Formulierungen, die ich zuerst der Übersetzerin anlasten wollte. Ich leiste allerdings Abbitte, nachdem ich ich mir das Original angeschaut habe, in dem Sätze wie dieser stehen:
„Lui però, prima, pare le avesse viste e ricopiate, quelle scritte, almeno alcune; anche quei nomi, si mormorava, nomi abietti e altolocati di collaborazionisti o comunque buoni amici dei boia, incisi sui muri delle luride latrine dalle vittime sulla soglia della morte e poi cancellati dalla calce – calce viva, bianca, innocente e bruciante sulla carne viva – e poi cancellati forse un’altra volta ancora dall’incendio nel suo capannone, da un fuoco distruttore che ripuliva ogni sozzura e restituiva una falsa innocenza alla più sordida e immonda infamia, a miserabili protetti per sempre dalla sparizione dei loro nomi dissolti nella calce e polverizzati nella cenere, illeggibili per i giudici umani, come quel magistrato che aveva dovuto concludere l’indagine sui crimini della Risiera quasi con un nulla di fatto; illeggibili forse pure per giudici più alti, anch’essi derubati di ogni materiale di prova e certo illeggibili per i figli di quegli assassini contumaci, ignari che quei loro nomi erano stati a suo tempo corrosi dalla calce o accartocciati dal fuoco; fieri anzi di portare quei nomi rispettabili e dei loro padri che li avevano portati anche quando le vittime – che essi avevano forse spinto o anche solo visto andare a una morte atroce e la cui sorte comunque non aveva turbato la loro indifferenza – li avevano scritti sui muri.“

„Er scheint also diese Inschriften zuvor gesehen und abgeschrieben zu haben, zumindest einige; und auch diese Namen, wie gemunkelt wurde, ordinäre und hochstehende Namen von Kollaborateuren oder zumindest guten Freunden der Henker, eingeritzt in die dreckigen Abortwände von den Opfern an der Schwelle des Todes, und dann ausgelöscht vom Kalk – vom frischen, weißen, unschuldigen und auf dem lebendigen Fleisch ätzenden weißen Kalk – und später vielleicht zum zweiten Mal ausgelöscht durch den Brand in seinem Schuppen, durch ein zerstörendes Feuer, das jede Schmutzigkeit beseitigte und selbst der erbärmlichsten und niederträchtigsten Gemeinheit eine falsche Unschuld zurückgab, jenen Schurken, die nun für immer geschützt waren durch das Verschwinden ihrer im Kalk aufgelösten und in der Asche pulverisierten Namen, unleserlich gemacht für die menschlichen Richter, so wie für jenen Staatsanwalt, der die Untersuchung über die Verbrechen in der Risiera gleichsam ergebnislos einstellen musste; unleserlich vielleicht auch für höhere Gerichte, denen ebenfalls jedes Beweismaterial fehlte, und ganz bestimmt unleserlich für die Kinder dieser abwesenden Mörder, die nicht wussten, dass ihre Namen seinerzeit vom Kalk zerfressen oder vom Feuer verbrannt worden waren; ja, die vielmehr stolz darauf waren, diese ehrenwerten Namen zu tragen, und genauso stolz auf ihre Väter, die diese Namen auch getragen hatten, als die Opfer – welche sie vielleicht in einen schrecklichen Tod getrieben oder ihm zumindest ausgeliefert hatten, kurz: deren Schicksal ihnen wohl ziemlich gleichgültig gewesen war – diese Namen an die Wände geschrieben hatten.“
Der vorliegenden Besprechung liegt die EBook-Ausgabe (ISBN 978-3-446-25604-0) zu Grunde, die mir der Verlag dankenswerter Weise im Rahmen meiner Reihe zu neueren Übersetzungen aus dem Italienischen zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 28. Juli 2017

Fontane Numero 1 / Paolo Cognetti

Heute präsentiere ich in der Reihe Gastland Italien meine vierte Entdeckung von Übersetzungen aus dem Italienischen. Zugleich nehme ich mit diesem Artikel bei der wunderschönen Blogparade „Bella Italia“ von Silvia und Astrid bei „Leckere Kekse“ teil. Es ist mir eine große Freude, dabei mitmachen zu dürfen!
Beim Rotpunktverlag Zürich – in der Edition Blau – habe ich „Paolo Cognetti – Fontane Numero 1“ entdeckt. Der Verlag hat es mir dankenswerterweise als Rezensionsexemplar überlassen.
Dieses Sommerbuch kommt mir gerade recht. Hier schreibt ein Autor, der sich nach einer Schaffenskrise für einen Sommer in eine relativ einsame Berghütte auf 2000 Meter irgendwo im Aostatal zurückzieht. Er hofft, wieder zu sich zu finden, mithilfe der Einsamkeit und des einsamen Lebens zum Kern, zur Quelle seiner Kreativität.
IMG_20170628_130058
Fontane No 1 / Paolo Cognetti ©e_mager
Das Thema spricht mich sehr an. Auch ich stelle es mir wunderbar vor und sehne mich geradezu
danach, für eine längere Zeit in eine Hütte in den Bergen oder am Meer zu ziehen, wo ich von den täglichen Anforderungen an mich einmal nichts mitbekomme. Ich stelle es mir paradiesisch vor, nur mit Büchern, Papier, Stiften und Malutensilien die Tage zu verbringen. Einfaches Leben, einfaches Essen, kein Internet, kein Trubel.
Cognetti ist 30 Jahre alt und erinnert sich daran, wie er mit einem Bergführer in seiner Kindheit die langen italienischen Sommerferien im Gebirge verbracht hat. Mittlerweile im quirligen und lauten Mailand zu Hause, glaubt er, die Verbindung zu dem Naturburschen, dem „ragazzo selvatico“ (So der Titel im Original), der er einmal war, verloren zu haben. Er schiebt auch seine Schreibschwierigkeiten darauf.
Vor allem aber schrieb ich nicht, und das ist für mich, als würde ich nicht schlafen oder essen: Eine solche Leere hatte ich noch nicht erlebt.“
Fontane No 1 / Paolo Cognetti
Fontane No 1 / Paolo Cognetti ©e_mager
Das Büchlein hat nur 140 S., aber die haben es in sich. Alle Bibliomanen unter uns kann ich nur warnen – der Stapel der ungelesenen Bücher wird immer höher. Cognetti bezieht sich in seinem Vorhaben nicht nur auf Henry David Thoreau „Walden oder das Leben in den Wäldern“, sondern führt auch eine Reihe anderer Autoren an, die aus Weltverdrossenheit in der Natur Einsamkeit gesucht hatten.“ 
Wenn ich ein Buch finde, bei dem ich schon auf den ersten drei Seiten, fünf Sätze herausschreiben und erinnern möchte, dann habe ich ein Gefühl wie Liebe auf den ersten Blick: erhöhter Herzschlag, eine wunderbare Entdeckung, Freude. Dieses Bändchen ist so eine Entdeckung für mich.
Es beginnt im Original so:
„Qualche anno fa ho avuto un inverno difficile. Ora non mi pare importante ricordare l’origine di quel male. Avevo trent’anni e mi sentivo senza forze, sperduto e sfiduciato come quando un’impresa in cui hai creduto finisce miseramente. Un lavoro, una storia d’amore, un progetto condiviso con altre persone, un libro che ha richiesto anni di fatica. In quel momento immaginare il futuro mi sembrava un’ipotesi remota quanto quella di mettersi in viaggio quando hai la febbre, fuori piove e la macchina è in riserva sparata. Avevo dato molto, e dove stava la mia ricompensa?“
Der Übersetzung von Barbara Sauser merkt man an, dass sie viel Erfahrung mit dem Italienischen hat. Sie schafft es, die Sätze behutsam zu verknappen und damit die Aussagen aus dem immer etwas weitschweifigerem Italienischen in die adäquate, kargere deutsche Sprache zu übertragen.
„Vor ein paar Jahren erlebte ich einen schwierigen Winter. Die Gründe dafür sind jetzt nicht wichtig. Ich war dreißig und fühlte mich kraftlos, verloren und niedergeschlagen, wie wenn ein Unternehmen, an das man geglaubt hat, kläglich gescheitert ist: eine Arbeit, eine Beziehung, ein gemeinschaftliches Projekt, ein Buch, das mich Jahre der Mühe gekostet hat. Mir eine Zukunft vorzustellen, kam mir in diesem Moment ungefähr so abwegig vor wie eine Reise anzutreten, wenn man Fieber hat, es draußen regnet und dazu der Tank leer ist. ich hatte alles gegeben, wo blieb nun mein Lohn?“
Neben Zitaten aus den literarischen Vorbildern Cognettis (Thoreau, Levi, De André, Reclus, Krakauer und Stern) lernen wir auch die Gedichte der in Italien wohl recht bekannten Antonia Pozzi (1912 bis 1938) kennen. Auch hier hat Barbara Sauser es geschafft, vier davon stimmungsvoll und ohne Verluste zu übersetzen.
Cognetti bezieht im Frühjahr eine von vier verlassenen Hütten, die zusammen das Dorf Fontane gebildet hatten, als es noch bewohnt war. Anfangs ist es wirklich einsam, von Frühling wenig zu spüren, im Mai schneit es noch einmal kräftig. Er findet, was er gesucht hat. Einsamkeit, Natur, das einfache Leben mit Holzmachen, Einheizen, dem Anlegen eines Gemüsegartens und langen Spaziergängen. Später kommen die Hirten mit ihren Tieren. Mit zwei Menschen, Gabriele, dem Kuhhirten, und Remigio, seinem Vermieter, der ab und zu nach ihm schaut, freundet er sich an. Als dann auch noch die Touristen kommen, „die, fast immer in großen Gruppen unterwegs, taub und blind für die Landschaft schienen…“, die die Tiere verjagten, wird ihm auch die Hütte zu viel. Er beschließt, draußen zu leben, noch karger, noch einsamer. „Schwer beladen machte ich die Tür hinter mir zu und hatte doch das Gefühl, mich von einer Last zu befreien.“ Er kommt zu der Einsicht, dass seine Flucht nicht von der Hütte und auch nicht von den Leuten herrührt. Dass die Last vielmehr von ihm selbst ausging. „Wovor sollten wir sonst fliehen, wenn wir aus dem Haus fliehen?“
Am Ende des Sommers kommt er zurück in die Hütte, bis es auch hier Zeit wird, alles winterfest zu machen und zurück in die Stadt zu fahren. Cognetti hat in diesem Sommer zu sich gefunden, aber ganz anders, als er es sich gedacht hatte.
Meine Erkenntnis nach der Lektüre: jeder muss die Hütte in sich selbst finden! Die Kunst ist, im Alltag zu sich zu finden – das wilde Kind in sich zu befreien. Es geht nicht um die Hütte oder die Einsamkeit, sondern um die Abgrenzung gegen die tägliche Brandung an Anforderungen von außen. Ich versuche es gerade; ich bin auf einem guten Weg.
Über den Autor:
Paolo Cognetti, geboren 1978 in Mailand, ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Zur Autorenkreis rund um den quirligen Verlag Minimum Fax in Rom gehörend, hat er mehrere, verschiedentlich ausgezeichnete Bücher veröffentlicht. 2016 ist beim renommierten Turiner Verlag Einaudi sein Debütroman erschienen, der in rund 30 Sprachen verkauft wurde. Mit Fontane Numero 1 liegt sein erstes Buch auf Deutsch vor. Über aktuelle Lektüre und über die Berge schreibt er auf seinem Blog: paolocognetti.blogspot.com. (Verlagstext)

Sonntag, 23. Juli 2017

Smith & Wesson / Alessandro Baricco

Mit Alessandro Bariccos Posse über einen Sturz mit dem Fass über die Wasserfälle des Niagara River gibt es heute eine weitere Übersetzung aus dem Italienischen. Ein kurzer, erfrischender Spaß mit historischem Hintergrund - ein ideales Sommerbüchlein.
Tom und Jerry – Smith und Wesson – ha – hier merkt man gleich zu Anfang, dass sich Baricco einen Spaß machen will – und mal ganz was anderes. Eine kleine Komödie in Dialogform – ein kleines Theaterstück mit Regieanweisungen und musikalischen Vortragsangaben.
Das Büchlein ist kurz, was auch daran liegt, dass es außer den genannten Dialogen und spärlichen Regieanweisungen keinen weiteren Text gibt. Die ganze Szenerie und die Tragik der Handlung entstehen in atemberaubendem Kopfkino. Sogleich möchte man in verteilten Rollen laut vorlesen.
Da das Buch nur so kurz ist, darf ich nicht viel verraten. Es beginnt jedenfalls so: Smith lernt Wesson im Hotel Great Falls bei den Niagarafällen kennen. Smith ist Metereologe und schwört auf Statistiken, Wesson ist Fischer – er fischt - wie schon sein Vater - die Leichen der Lebensmüden aus dem Fluss. Hinzu kommt die junge Journalistin Rachel, die frustriert ist, weil sie als 23jährige keine aufregenden Reportagen bekommt. Sie will selbst zur Sensation werden und darüber berichten. Die beiden kauzigen Typen sollen ihr dabei helfen. Ihre Idee: sie will sich in die Fluten stürzen und lebend wieder auftauchen. Nun wird gerechnet, konstruiert und Werbung gemacht. Im Hintergrund Mrs. Higgins, die Eignerin des Hotels, die selbst nicht auftritt, aber als Bindeglied für alle und alles fungiert.
Zum ernsten Hintergrund der spaßigen Geschichte gibt es hier einen schönen Link: Sturz von den Niagarafällen "Entweder du packst es oder du stirbst"
Smith & Wesson / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. - Hamburg: Hoffmann und Campe, 2016. - 1. Aufl. - 110 S. - ISBN 9783455405774 - 18 €
Über den Autor:
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien Smith & Wesson (2016). (Verlagstext)


Dienstag, 18. Juli 2017

Benvenuti Ciao Willkommen ...

... zum Blog der Website "Brücke von Deutschland nach Italien".