Donnerstag, 16. August 2018

Anna / Niccolò Ammaniti

Niccolo Ammaniti: Anna - Eisele 2018
Niccolo Ammaniti: Anna - Eisele 2018
Ich bin Ammaniti-Fan, das will ich mal vorausschicken. Seit ich "Non ho Paura"(Deutsch unter den Titeln "Die Herren des Hügels" und "Ich habe keine Angst") sowohl gelesen als auch als Film gesehen habe, konnte ich mich keinem der nachfolgenden Titel Ammanitis entziehen. 
Es ist immer eine ziemlich rohe Welt in einem einfachen Milieu am Rande der Städte - da wo Italien-Touristen eher selten hinschauen. Die Protagonisten sind ganz oft "Verlierertypen" , solche, die immer glauben, es wird noch einmal besser und sich dabei immer mehr in Schwierigkeiten bringen. Oft sind es Kinder und Jugendliche, die den eigentlichen "wahren" Blick aufs Geschehen haben, während die Erwachsenen nichts kapieren. Mit "Anna", das im Original schon im Jahr 2015 erschienen ist, lässt Ammaniti die Erwachsenen gleich ganz weg.
Schauplatz der Geschichte ist Sizilien. Ein Virus hat alle Erwachsenen dahingerafft. Die dreizehnjährige Anna lebt mit ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Astor auf einem großen Grundstück auf dem Land, mit nichts als einem Notizbuch, in das ihre sterbende Mutter in letzter Verzweiflung und Anstrengung Handlungsanweisungen und Ratschläge für ihre Kinder aufgeschrieben hatte. 
"Am Tag darauf war Papa tot. Mama rief irgendwo an, und er wurde abgeholt. Anna hätte sich auch von ihm verabschieden, hätte zu ihm gehen können, doch ihre Mutter wusste damals noch nicht, dass Kinder nicht krank wurden. Kurze Zeit später war sie selbst an der Reihe.
Aus diesem Zeitraum blieben Anna nur wirre Bilder. Mama, die den ganzen Tag lang etwas schrieb, den Ellbogen auf dem Tisch, halb nackt. Mama, die das Heft mit Wichtigen Dingen füllte."
(S. 81)
Anna schafft es eine ganze Weile, ja sogar ein paar Jahre, ganz gut mit der Situation klarzukommen und auf ihren Bruder aufzupassen. Doch wie in jedem Märchen kommt der Tag, an dem sich die Handlung in eine gefährliche Richtung entwickelt. Astor bekommt Fieber und Anna lässt ihn viel zu lange alleine, um irgendwo Medikamente aufzutreiben. Als sie zurückkehrt, ist ihr Bruder verschwunden und das Haus geplündert.
"Anna Salemi beschloss, sich auf die Suche nach den blauen Kindern zu machen. Wenn sie die fand, würde sie auch ihren Bruder finden. Der Gedanke, er könnte tot sein, kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie verließ Gut Maulbeerbaum am 30. Oktober 2020 und sollte nie wieder dorthin zurückkehren. Im Rucksack hatte sie eine Taschenlampe, ein Feuerzeug, ihr in ein grünes Sweatshirt gehülltes Heft mit den Wichtigen Dingen, ein Küchenmesser und den rechten Oberschenkelknochen ihrer Mutter."
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Auf der anschließenden Suche nach dem Bruder trifft sie viele andere Kinder, die alle zu einem verlassenen Hotel unterwegs sind, in der eine "Kleine Riesin" residieren soll, deren Kuss die Kinder vor dem Virus retten soll. Denn alle geschlechtsreifen Jugendlichen werden auch von der Krankheit dahingerafft. In einer Welt ohne Erwachsenen haben sich die Kinder Lösungen "ausgedacht", an die sie sich nun abergläubig klammern.
Einige glauben an den "Kuss der Riesin", andere an besondere Turnschuhe einer bestimmten Marke und wieder andere klammern sich an die Hoffnung, dass man es nur aufs italienische Festland schaffen muss, wo Wissenschaftler schon längst ein Gegenmittel gefunden haben sollen.
"Vielleicht war jenseits der Meerenge die Welt wieder so wie früher, bekamen die Großen Kinder und fuhren Auto, und die Läden waren offen, und man starb nicht, wenn man vierzehn war. Vielleicht hatten sie dort Sizilien vergessen, zusammen mit allen seinen Waisen. Von den vielen abwegigen Legenden und Mutmaßungen, die sie gehört hatte, schien ihr diese die einzig plausible, die einzig glaubhafte, die einzige, für die es sich lohnte, sich in Bewegung zu setzen und nachzuschauen."
(S. 189)
In der geradezu orgiastischen Ansammlung von Kindern beim alten Hotel findet Anna nicht nur ihren Bruder wieder sondern trifft auch auf den etwas älteren Pietro. Außerdem schließt sich den dreien ein Hund an.
Zusammen mit Pietro und dem Hund schafft sie es, ihren Bruder aus den Klauen der völlig abgedrehten Kinderschar zu befreien. Die Szenerie lässt unwillkürlich an ähnliche Szenen aus "Lord of the Flies" von William Golding denken.
Die Kinder machen sich zusammen mit dem Hund auf den langen Weg von Castellamare über Palermo bis zur Meerenge von Messina, um von dort irgendwie ans Festland zu gelangen. Zwischendurch landen sie im idyllischen Ferienort Cefalú, wo sie sich in einer verlassenen Wohnung direkt am Strand niederlassen. Hier vergessen sie fast ihre Ängste und leben wie eine kleine glückliche Familie. 
Cefalú ©e_mager
"Die Plünderungen, Verwüstungen und Brände hatten auf ganz Sizilien gewütet, nicht jedoch in Cefalù. In den Häusern hatte Anna nur wenige Skelette gefunden. Es schien, als hätten die Bewohner den Ort verlassen, bevor sie der Epidemie zum Opfer fielen."
(S. 322)
Pietro fühlt, dass ihm mit 16 Jahren nicht mehr viel Zeit bleibt, bis ihn der Virus erwischt. Er will weiter zum Festland, notfalls ohne Anna. Und hier wendet sich die Geschichte wieder einmal. 
"»Am Ende kommt’s nicht darauf an, wie lang du lebst, sondern wie du lebst. Wenn du ein gutes Leben führst, wenn du alles auskostest, dann ist ein kurzes Leben so viel wert wie ein langes. Glaubst du nicht auch?«"
(S. 362)

Meine Meinung:

eine wirklich berührende Geschichte. An jeder Stelle wusste ich, dass Kinder so ticken. dass es eine wahre Geschichte ist, auch wenn sie in der fiktiven Zukunft spielt. Ich weiß, dass es kein "schönes Buch" ist, wie es sich viele der Leser und Leserinnen meiner Bücherei oft wünschen. Sie werden es mir zurückgeben und sagen: "Also das hat mich angewidert, das habe ich ganz schnell wieder zugeklappt." Dann denke ich immer "Schade! Ihnen entgeht so viel!"
Luis Ruby, der Übersetzer, hat an keiner Stelle spüren lassen, dass es sich überhaupt um eine Übersetzung handelt. Ein großes Lob auch hier! Auch im Deutschen liest man einen echten Ammaniti.

Zum Autor

NICCOLÒ AMMANITI, geboren 1966 in Rom, ist einer der erfolgreichsten und inter­national renommiertesten Autoren italienischer Sprache. Sein Weltbestseller Ich habe keine Angst gewann den Premio Viareggio, der Roman Wie es Gott gefällt den Premio Strega. Ammanitis Werke wurden in 44 Sprachen übersetzt. (Verlagstext)

Dienstag, 20. Februar 2018

Reisen mit Freunden / von Lothar Conrad

Am Ende seines Textes schreibt der Autor: " ... Haben Ihnen meine Geschichten gefallen, so erzählen Sie davon allen, die Sie kennen. haben sie Ihnen nicht gefallen, so schweigen Sie. Danke."

Einerseits: ....

Andererseits: hier hat ein Mensch mit einem abwechslungsreichen Leben beschlossen, die Fernreisen, die er aufgrund seiner Arbeit als Handelsvertreter unternehmen durfte, aufzuschreiben. Er hat viel erlebt und von der Welt gesehen, die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, die ihm zum Teil zu Freunden wurden.
Die Familie hat ihn ermuntert, nachdem er sicher oft und oft von seinen Erlebnissen erzählt hat, doch alles aufzuschreiben.
"Das darf doch nicht in Vergessenheit geraten und außerdem kannst Du doch so spannend erzählen."

Und so setzt er sich hin und fängt an zu erzählen. Es werden sechs Reisen, von denen die erste schon vor 50 Jahren gewesen sein muss - leider schreibt Conrad kein Datum dazu - und ihn nach Amerika führt. Es wird ein abenteuerliches Roadmovie mit Freunden in einer Zeit ohne Navi und Smartphone.
Die weiteren Reisen führen den Autor erneut nach Amerika (1985), nach China (2000), nach Island (2005), wieder nach Amerika (2007) und schließlich ins Baltikum (2010).
Der Text wird mit allerlei kleinen, farbigen Fotos illustriert. Touristenfotos.

Kann man den Text gut lesen? Ja, Conrad schreibt locker und anschaulich von dem, was er erlebt hat.

Für wen ist dieser Text gedacht? Es ist ein Buch für die Familie Conrad. Ein Schatz, den man weitergeben kann an Verwandtschaft und Enkel. Wie ein besonderes Fotoalbum. "Lies mal, was Opa so alles erlebt hat. Ein toller Hecht." Vielleicht ist es auch für die Leute spannend, die selbst zu diesen Stätten gereist sind und ihre Erfahrungen mit denen von Lothar Conrad vergleichen möchten.

Handelt es sich hier um Literatur? Nein! Nicht alles, was zwischen zwei Buchdeckel gebannt ist, ist Literatur, die einer möglichst breiten Masse bekannt gemacht werden muss.

Ich habe ein ähnliches Buch über unsere Zeit in Rom geschrieben. Ein Tagebuch, ganz nett, die Familie liest es gern, den Kindern hilft es, sich an diese Zeit zu erinnern. Sie zeigen es gerne ihren Freunden. Ist es Literatur ? - Nein! Ab und zu wird es gekauft, wenn jemand mit Kindern nach Italien zieht.


 Jetzt habe ich doch nicht geschwiegen. Falls Sie neugierig auf biographische Reisebeschreibungen von mehr als einem halben Jahrhundert sind: hier berichtet ein Zeitzeuge authentisch, wie es gewesen ist - zum Beispiel in Memphis, Tennessee, in den sechziger Jahren.

Reisen mit Freunden / Lothar Conrad. - swb media services: Stuttgart, 2017. - 3. Aufl., 161 S., farb. Ill. - ISBN 9783945769119, Broschur : 14,80 €

Freitag, 18. August 2017

Giacinta / Luigi Capuana

©e_mager 
Die kleine Giacinta wird von Geburt an von ihrer Mutter abgelehnt, die nur selbstsüchtig auf Geld und eine gute gesellschaftliche Stellung aus ist. Sie wird bis zum Alter von 5 Jahren bei einer Amme aufs Land gegeben, wo sie ziemlich verwahrlost und wie ein kleines wildes Tier aufwächst. Als es der Mutter endlich in den Kram passt, wird Giacinta  wieder nach Hause geholt, wo sie mehr oder weniger sich selbst überlassen ist. Anstatt wie vorher auf dem Land recht frei herumzutollen, ist sie nun auf ein Zimmer mit Aussicht auf den eng ummauerten Garten angewiesen. Sie hat keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen. Einzig der Vater ist ihr liebevoll zugetan, aber auch dieser steht unter dem Pantoffel von Giacintas Mutter. Als diese ziemlich unüberlegt einen jungen Mann als Gärtner engagiert, findet Giacinta endlich einen lustigen Kamerad, der Zeit für sie hat. Beppe freut sich, wenn Giacinta zu ihm in den Garten kommt und er hat immer allerlei Späße für sie in petto. Doch ohne dass Giacinta es bemerkt, wandeln sich diese Späße immer mehr zu sexuellen Handlungen bis hin zur handfesten, von Giacinta heftigst abgelehnten Vergewaltigung. Als eine Magd die beiden erwischt, wird Beppe entlassen. Die entsetzte Mutter weiß sich keinen anderen Rat als Giacinta auf ein Internat zu schicken bis sie erwachsen ist.
Wieder im elterlichen Haus, versucht die Mutter mit groß angelegten Festen und Einladungen ihre Tochter mit einer einigermaßen guten Partie zu verheiraten. Der Makel der Vergewaltigung in jungem Alter ist stadtbekannt und deshalb kann man nicht wählerisch sein. Die wunderschöne Giacinta spielt gekonnt auf dem gesellschaftlichen Parkett und schart eine ganze Gruppe junger Männer um sich herum. Innerlich ist sie jedoch teilnahmslos und überhaupt nicht auf eine Ehe aus. Einzig Andrea, ein lebenslustiger und unterhaltsamer junger Mann aus Neapel, kann ihr Herz gewinnen. Da Giacinta aber zutiefst misstrauisch ist und eine abgrundtiefe Angst vor Enttäuschung hat, lässt sie eine Liebesbeziehung nur außerhalb einer Ehe zu.
„Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden, aber mein Ehemann, nein, niemals.“ (S.23)
Andrea, der Giacinta aufrichtig liebt, ist einverstanden, dass sie zum Schein und wegen des guten Namens, den etwas schwachsinnigen Grafen Grippa di San Celso heiratet. Ein skandalöses Leben in einer ungewöhnlichen Ménage-à-trois beginnt und nimmt einen verheerenden Verlauf.
Luigi Capuana schildert dieses Psychogramm einer jungen, weiblichen Seele so schonungslos und präzise, dass der Roman bei seinem ersten Erscheinen 1879 in Italien einen Skandal auslöst und nach sechs Monaten ausverkauft ist. Erst 1886 gibt es eine entschärfte Version, die genau wie weitere Ausgaben nie den Erfolg der Erstausgabe wiederholen können. Erst 1980 erscheint bei Mondadori die Neuauflage nach dem Urtext des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Originals, auf das sich auch die vorliegende Übersetzung von Stefanie Römer ins Deutsche stützt.
Diese liest sich hervorragend flüssig und modern, obwohl sie im Sprachduktus auf die Zeit, in der das Buch spielt, Rücksicht nimmt. Ich habe das sehr schön editierte Buch in einem Rutsch durchgelesen, allerdings häufig kopfschüttelnd. Nicht wegen der „skandalösen“ Begebenheiten, die uns heute keine Empörung mehr entlocken, sondern wegen der wirklich abstrusen Gedankenwelt Giacintas. Capuanas Buch gilt als erster Vertreter der in den 1870er Jahren in Italien neu entstanden Gattung des Verismo, der von Zola und Tolstoi beeinflusst war. Dieser zeichnet sich durch übersteigerten Realismus in der Beschreibung von vor allem sozialkritischen Begebenheiten aus. Bei Capuana sind es die neuen psychologischen und medizinischen Erkenntnisse Mitte des 19. Jahrhunderts, die er mit der Lebensgeschichte der Giacinta illustrieren möchte.
Für Èmile Zola
Ich bin mir gewiss, ein Buch geschrieben zu haben, das weder scheinheilig noch unmoralisch ist. Wäre ich doch ebenso sicher, geschaffen zu haben, was in meiner Absicht stand – ein wahres Kunstwerk! (Widmung)
Ein interessantes Buch, das es verdient hat, aus der Vergessenheit geholt worden zu sein, auch wenn es nicht so stark ist, wie die Klassiker Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest, mit denen es auf dem Schutzumschlag verglichen wird.
Mir gefällt es sehr, wenn ich „historische“ Stoffe von zeitgenössischen Autoren lesen kann, so wie  z.B. auch die Neuausgabe von Gabriele Tergits  „Käsebier erobert Berlin“. So erlebe ich eine kleine, sehr authentische Zeitreise. Ich freue mich, dass die Verlage diese Kostbarkeiten wieder ans Licht holen und nicht immer nur neue Autoren herausgeben.
Über den Autor:
Luigi Capuana (1839–1915), Sohn sizilianischer Landbesitzer, lebte nach einem abgebrochenen Jurastudium als Theaterkritiker in Mailand, Florenz und Turin. Er schrieb zahlreiche Novellen, drei Romane und sammelte Volksmärchen. «Giacinta» wurde bei Veröffentlichung zu einem Riesenerfolg. 1886 erschien nach empörtem Echo der Kritik eine zweite, «entschärfte» Version. (Verlagstext)
Dieser Artikel ist der sechste aus meiner Reihe zu aktuellen Übersetzungen aus dem Italienischen: Gastland Italien

Samstag, 5. August 2017

Verfahren eingestellt / Claudio Magris

Unter den Übersetzungen aus dem Italienischen, die in der letzten Zeit erschienen sind und die meine Aufmerksamkeit errungen haben, bildet dieser Titel sicherlich eine Ausnahme. Um es kurz und allzu salopp auszudrücken: „Schwere Kost“.
Dr. Claudio Magris studierte an den Universitäten Turin und Freiburg im Breisgau Germanistik. Er ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine zahlreichen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien. Claudio Magris lebt in Triest und spricht seinen fast als eigene Sprache bezeichneten Triestiner Dialekt. (Quelle: Wikipedia abgerufen am 5.8.2017)
Er ist also kein Romancier im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Wissenschaftler, was man seinem Buch sehr anmerkt. „Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants.“ (Ebenfalls Wikipedia s.o.)
Als Warnung vor der Gegenwart des Krieges ist auch dieses Buch zu verstehen.
„Ich kämpfe nicht gegen das Vergessen, sondern gegen das Vergessen des Vergessens, gegen die schuldhafte Unbewusstheit, vergessen zu haben, vergessen haben zu wollen, nicht wissen zu wollen und nicht wissen zu können, dass es etwas Entsetzliches gibt, das man vergessen wollte – sollte?“
Das Buch erzählt die Geschichte eines grotesken Museums der Gewalt für eine Zukunft in Frieden und des Mannes, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, alle Erinnerungsstücke dafür mühselig zusammen zu tragen: vom alten Panzer, einem gebrauchten U-Boot, verrosteten Teilen kleiner Handwaffen aus allen Teilen der Welt, Videosequenzen aus alten Wochenschauen bis hin zu Abschriften aus den Todeszellen des ehemaligen Konzentrationslagers „La Risiera di San Sabba“ in Triest. Er selbst erlebt die Fertigstellung seines Museums nicht, da er in einer Nacht, als er inmitten seiner gesammelten Stücke in einem leeren Sarg eingeschlafen ist, bei einem Großfeuer verbrannt ist. Luisa, seine Assistentin,  macht es sich zur Aufgabe, aus den immer noch zahlreichen Resten der Sammlung das Museum gegen das Vergessen einzurichten. Vor allem die Notizbücher mit den Abschriften der Zellenwände sind für die Nachwelt interessant und gefürchtet. Die Erben möchten nicht, dass diese veröffentlicht werden. Wichtige Persönlichkeiten in Triest befürchten immer noch, dass herauskommen könnte, wer sich von ihnen oder ihren Vorfahren schuldig gemacht hat. Wie viele der Notizbücher den, vielleicht sogar vorsätzlich gelegten, Brand überstanden haben, ist nicht bekannt. Man hofft allgemein, dass die Beweise nicht reichen und daher ein wie auch immer geartetes Verfahren eingestellt wird. „Über diese Schande, diese ehemalige Triester Reisfabrik, in der die Nationalsozialisten einige tausend Menschen umgebracht hatten oder hingeschickt, um sie dort umbringen zu lassen – im Schweigen der Allgemeinheit, das auch nach dem Krieg noch anhielt –, begann man nun endlich zu reden, was manch einen in Verlegenheit brachte.“ (S.22)
Luisas eigene Lebensgeschichte ist der zweite Erzählstrang des Buches. Sie ist die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, Nachfahrin von Diaspora und Sklavenhandel. Hier erfährt der Leser viel über Schuld, Gewalt und Krieg in anderen Teilen der Welt und wie alles mit allem zusammenhängt. Diese Kapitel haben mir sehr gefallen, da Magris hier wirklich eine romanhafte Erzählung gelingt.
Mir scheint, Magris hat mit den einzelnen Kapiteln selbst ein Museum der Gewalt errichtet. Die Geschichten sind so zahlreich und muten unsortiert an, als ob man in einem riesigen, verstaubten, unsortierten Museum von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück wandert. Man begreift die Intention, wird aber nicht wirklich ergriffen. Zumindest habe ich einiges über Triest und das einzige Vernichtungslager Italiens gelernt. Ich habe auch eingesehen, wie sehr nach dem Krieg, nach allen Kriegen, vertuscht und gelogen wird, um „ehrenwerte“ Herrschaften nicht zu belasten. Hier hat der Roman seinen Zweck erfüllt.
„Man hat den Müll ins Meer geschüttet, ins Flusstal, sie haben uns hier ausgeladen, zwischen dem Patòc und dem Meer, das Wasser kann hier nicht sehr tief sein, aber wir gehen unter, hinunter, Müll ins Meer zu kippen ist ein Verbrechen, ebenso Menschen hineinzuwerfen, aber der Richter erklärt: Das Verfahren wird eingestellt. (S. 399)
Große Mühe hatte ich auch mit den ellenlangen Sätzen und mühsamen Formulierungen, die ich zuerst der Übersetzerin anlasten wollte. Ich leiste allerdings Abbitte, nachdem ich ich mir das Original angeschaut habe, in dem Sätze wie dieser stehen:
„Lui però, prima, pare le avesse viste e ricopiate, quelle scritte, almeno alcune; anche quei nomi, si mormorava, nomi abietti e altolocati di collaborazionisti o comunque buoni amici dei boia, incisi sui muri delle luride latrine dalle vittime sulla soglia della morte e poi cancellati dalla calce – calce viva, bianca, innocente e bruciante sulla carne viva – e poi cancellati forse un’altra volta ancora dall’incendio nel suo capannone, da un fuoco distruttore che ripuliva ogni sozzura e restituiva una falsa innocenza alla più sordida e immonda infamia, a miserabili protetti per sempre dalla sparizione dei loro nomi dissolti nella calce e polverizzati nella cenere, illeggibili per i giudici umani, come quel magistrato che aveva dovuto concludere l’indagine sui crimini della Risiera quasi con un nulla di fatto; illeggibili forse pure per giudici più alti, anch’essi derubati di ogni materiale di prova e certo illeggibili per i figli di quegli assassini contumaci, ignari che quei loro nomi erano stati a suo tempo corrosi dalla calce o accartocciati dal fuoco; fieri anzi di portare quei nomi rispettabili e dei loro padri che li avevano portati anche quando le vittime – che essi avevano forse spinto o anche solo visto andare a una morte atroce e la cui sorte comunque non aveva turbato la loro indifferenza – li avevano scritti sui muri.“

„Er scheint also diese Inschriften zuvor gesehen und abgeschrieben zu haben, zumindest einige; und auch diese Namen, wie gemunkelt wurde, ordinäre und hochstehende Namen von Kollaborateuren oder zumindest guten Freunden der Henker, eingeritzt in die dreckigen Abortwände von den Opfern an der Schwelle des Todes, und dann ausgelöscht vom Kalk – vom frischen, weißen, unschuldigen und auf dem lebendigen Fleisch ätzenden weißen Kalk – und später vielleicht zum zweiten Mal ausgelöscht durch den Brand in seinem Schuppen, durch ein zerstörendes Feuer, das jede Schmutzigkeit beseitigte und selbst der erbärmlichsten und niederträchtigsten Gemeinheit eine falsche Unschuld zurückgab, jenen Schurken, die nun für immer geschützt waren durch das Verschwinden ihrer im Kalk aufgelösten und in der Asche pulverisierten Namen, unleserlich gemacht für die menschlichen Richter, so wie für jenen Staatsanwalt, der die Untersuchung über die Verbrechen in der Risiera gleichsam ergebnislos einstellen musste; unleserlich vielleicht auch für höhere Gerichte, denen ebenfalls jedes Beweismaterial fehlte, und ganz bestimmt unleserlich für die Kinder dieser abwesenden Mörder, die nicht wussten, dass ihre Namen seinerzeit vom Kalk zerfressen oder vom Feuer verbrannt worden waren; ja, die vielmehr stolz darauf waren, diese ehrenwerten Namen zu tragen, und genauso stolz auf ihre Väter, die diese Namen auch getragen hatten, als die Opfer – welche sie vielleicht in einen schrecklichen Tod getrieben oder ihm zumindest ausgeliefert hatten, kurz: deren Schicksal ihnen wohl ziemlich gleichgültig gewesen war – diese Namen an die Wände geschrieben hatten.“
Der vorliegenden Besprechung liegt die EBook-Ausgabe (ISBN 978-3-446-25604-0) zu Grunde, die mir der Verlag dankenswerter Weise im Rahmen meiner Reihe zu neueren Übersetzungen aus dem Italienischen zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 28. Juli 2017

Fontane Numero 1 / Paolo Cognetti

Heute präsentiere ich in der Reihe Gastland Italien meine vierte Entdeckung von Übersetzungen aus dem Italienischen. Zugleich nehme ich mit diesem Artikel bei der wunderschönen Blogparade „Bella Italia“ von Silvia und Astrid bei „Leckere Kekse“ teil. Es ist mir eine große Freude, dabei mitmachen zu dürfen!
Beim Rotpunktverlag Zürich – in der Edition Blau – habe ich „Paolo Cognetti – Fontane Numero 1“ entdeckt. Der Verlag hat es mir dankenswerterweise als Rezensionsexemplar überlassen.
Dieses Sommerbuch kommt mir gerade recht. Hier schreibt ein Autor, der sich nach einer Schaffenskrise für einen Sommer in eine relativ einsame Berghütte auf 2000 Meter irgendwo im Aostatal zurückzieht. Er hofft, wieder zu sich zu finden, mithilfe der Einsamkeit und des einsamen Lebens zum Kern, zur Quelle seiner Kreativität.
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Fontane No 1 / Paolo Cognetti ©e_mager
Das Thema spricht mich sehr an. Auch ich stelle es mir wunderbar vor und sehne mich geradezu
danach, für eine längere Zeit in eine Hütte in den Bergen oder am Meer zu ziehen, wo ich von den täglichen Anforderungen an mich einmal nichts mitbekomme. Ich stelle es mir paradiesisch vor, nur mit Büchern, Papier, Stiften und Malutensilien die Tage zu verbringen. Einfaches Leben, einfaches Essen, kein Internet, kein Trubel.
Cognetti ist 30 Jahre alt und erinnert sich daran, wie er mit einem Bergführer in seiner Kindheit die langen italienischen Sommerferien im Gebirge verbracht hat. Mittlerweile im quirligen und lauten Mailand zu Hause, glaubt er, die Verbindung zu dem Naturburschen, dem „ragazzo selvatico“ (So der Titel im Original), der er einmal war, verloren zu haben. Er schiebt auch seine Schreibschwierigkeiten darauf.
Vor allem aber schrieb ich nicht, und das ist für mich, als würde ich nicht schlafen oder essen: Eine solche Leere hatte ich noch nicht erlebt.“
Fontane No 1 / Paolo Cognetti
Fontane No 1 / Paolo Cognetti ©e_mager
Das Büchlein hat nur 140 S., aber die haben es in sich. Alle Bibliomanen unter uns kann ich nur warnen – der Stapel der ungelesenen Bücher wird immer höher. Cognetti bezieht sich in seinem Vorhaben nicht nur auf Henry David Thoreau „Walden oder das Leben in den Wäldern“, sondern führt auch eine Reihe anderer Autoren an, die aus Weltverdrossenheit in der Natur Einsamkeit gesucht hatten.“ 
Wenn ich ein Buch finde, bei dem ich schon auf den ersten drei Seiten, fünf Sätze herausschreiben und erinnern möchte, dann habe ich ein Gefühl wie Liebe auf den ersten Blick: erhöhter Herzschlag, eine wunderbare Entdeckung, Freude. Dieses Bändchen ist so eine Entdeckung für mich.
Es beginnt im Original so:
„Qualche anno fa ho avuto un inverno difficile. Ora non mi pare importante ricordare l’origine di quel male. Avevo trent’anni e mi sentivo senza forze, sperduto e sfiduciato come quando un’impresa in cui hai creduto finisce miseramente. Un lavoro, una storia d’amore, un progetto condiviso con altre persone, un libro che ha richiesto anni di fatica. In quel momento immaginare il futuro mi sembrava un’ipotesi remota quanto quella di mettersi in viaggio quando hai la febbre, fuori piove e la macchina è in riserva sparata. Avevo dato molto, e dove stava la mia ricompensa?“
Der Übersetzung von Barbara Sauser merkt man an, dass sie viel Erfahrung mit dem Italienischen hat. Sie schafft es, die Sätze behutsam zu verknappen und damit die Aussagen aus dem immer etwas weitschweifigerem Italienischen in die adäquate, kargere deutsche Sprache zu übertragen.
„Vor ein paar Jahren erlebte ich einen schwierigen Winter. Die Gründe dafür sind jetzt nicht wichtig. Ich war dreißig und fühlte mich kraftlos, verloren und niedergeschlagen, wie wenn ein Unternehmen, an das man geglaubt hat, kläglich gescheitert ist: eine Arbeit, eine Beziehung, ein gemeinschaftliches Projekt, ein Buch, das mich Jahre der Mühe gekostet hat. Mir eine Zukunft vorzustellen, kam mir in diesem Moment ungefähr so abwegig vor wie eine Reise anzutreten, wenn man Fieber hat, es draußen regnet und dazu der Tank leer ist. ich hatte alles gegeben, wo blieb nun mein Lohn?“
Neben Zitaten aus den literarischen Vorbildern Cognettis (Thoreau, Levi, De André, Reclus, Krakauer und Stern) lernen wir auch die Gedichte der in Italien wohl recht bekannten Antonia Pozzi (1912 bis 1938) kennen. Auch hier hat Barbara Sauser es geschafft, vier davon stimmungsvoll und ohne Verluste zu übersetzen.
Cognetti bezieht im Frühjahr eine von vier verlassenen Hütten, die zusammen das Dorf Fontane gebildet hatten, als es noch bewohnt war. Anfangs ist es wirklich einsam, von Frühling wenig zu spüren, im Mai schneit es noch einmal kräftig. Er findet, was er gesucht hat. Einsamkeit, Natur, das einfache Leben mit Holzmachen, Einheizen, dem Anlegen eines Gemüsegartens und langen Spaziergängen. Später kommen die Hirten mit ihren Tieren. Mit zwei Menschen, Gabriele, dem Kuhhirten, und Remigio, seinem Vermieter, der ab und zu nach ihm schaut, freundet er sich an. Als dann auch noch die Touristen kommen, „die, fast immer in großen Gruppen unterwegs, taub und blind für die Landschaft schienen…“, die die Tiere verjagten, wird ihm auch die Hütte zu viel. Er beschließt, draußen zu leben, noch karger, noch einsamer. „Schwer beladen machte ich die Tür hinter mir zu und hatte doch das Gefühl, mich von einer Last zu befreien.“ Er kommt zu der Einsicht, dass seine Flucht nicht von der Hütte und auch nicht von den Leuten herrührt. Dass die Last vielmehr von ihm selbst ausging. „Wovor sollten wir sonst fliehen, wenn wir aus dem Haus fliehen?“
Am Ende des Sommers kommt er zurück in die Hütte, bis es auch hier Zeit wird, alles winterfest zu machen und zurück in die Stadt zu fahren. Cognetti hat in diesem Sommer zu sich gefunden, aber ganz anders, als er es sich gedacht hatte.
Meine Erkenntnis nach der Lektüre: jeder muss die Hütte in sich selbst finden! Die Kunst ist, im Alltag zu sich zu finden – das wilde Kind in sich zu befreien. Es geht nicht um die Hütte oder die Einsamkeit, sondern um die Abgrenzung gegen die tägliche Brandung an Anforderungen von außen. Ich versuche es gerade; ich bin auf einem guten Weg.
Über den Autor:
Paolo Cognetti, geboren 1978 in Mailand, ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Zur Autorenkreis rund um den quirligen Verlag Minimum Fax in Rom gehörend, hat er mehrere, verschiedentlich ausgezeichnete Bücher veröffentlicht. 2016 ist beim renommierten Turiner Verlag Einaudi sein Debütroman erschienen, der in rund 30 Sprachen verkauft wurde. Mit Fontane Numero 1 liegt sein erstes Buch auf Deutsch vor. Über aktuelle Lektüre und über die Berge schreibt er auf seinem Blog: paolocognetti.blogspot.com. (Verlagstext)

Sonntag, 23. Juli 2017

Smith & Wesson / Alessandro Baricco

Mit Alessandro Bariccos Posse über einen Sturz mit dem Fass über die Wasserfälle des Niagara River gibt es heute eine weitere Übersetzung aus dem Italienischen. Ein kurzer, erfrischender Spaß mit historischem Hintergrund - ein ideales Sommerbüchlein.
Tom und Jerry – Smith und Wesson – ha – hier merkt man gleich zu Anfang, dass sich Baricco einen Spaß machen will – und mal ganz was anderes. Eine kleine Komödie in Dialogform – ein kleines Theaterstück mit Regieanweisungen und musikalischen Vortragsangaben.
Das Büchlein ist kurz, was auch daran liegt, dass es außer den genannten Dialogen und spärlichen Regieanweisungen keinen weiteren Text gibt. Die ganze Szenerie und die Tragik der Handlung entstehen in atemberaubendem Kopfkino. Sogleich möchte man in verteilten Rollen laut vorlesen.
Da das Buch nur so kurz ist, darf ich nicht viel verraten. Es beginnt jedenfalls so: Smith lernt Wesson im Hotel Great Falls bei den Niagarafällen kennen. Smith ist Metereologe und schwört auf Statistiken, Wesson ist Fischer – er fischt - wie schon sein Vater - die Leichen der Lebensmüden aus dem Fluss. Hinzu kommt die junge Journalistin Rachel, die frustriert ist, weil sie als 23jährige keine aufregenden Reportagen bekommt. Sie will selbst zur Sensation werden und darüber berichten. Die beiden kauzigen Typen sollen ihr dabei helfen. Ihre Idee: sie will sich in die Fluten stürzen und lebend wieder auftauchen. Nun wird gerechnet, konstruiert und Werbung gemacht. Im Hintergrund Mrs. Higgins, die Eignerin des Hotels, die selbst nicht auftritt, aber als Bindeglied für alle und alles fungiert.
Zum ernsten Hintergrund der spaßigen Geschichte gibt es hier einen schönen Link: Sturz von den Niagarafällen "Entweder du packst es oder du stirbst"
Smith & Wesson / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. - Hamburg: Hoffmann und Campe, 2016. - 1. Aufl. - 110 S. - ISBN 9783455405774 - 18 €
Über den Autor:
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien Smith & Wesson (2016). (Verlagstext)


Dienstag, 18. Juli 2017

Montag, 20. Juni 2016

Römische Ermittlungen (Bianca Palma)

Dieses Jahr keine Zeit für Urlaub in Italien? Ich habe da einen Tipp für einen verregneten Sommer:  Bianca Palma nimmt Sie mit nach Rom in die engen Gassen, die kleinen Bars und die römische Musikszene. In der neuen Krimireihe rund um den feinsinnigen Commissario Caselli können Sie den Fall mit dem Stadtplan begleiten, so genau erzählt die Autorin vom Geschehen. Sie stehen mit im Stau, Sie sind mitten drin im Palaver, Sie flanieren durch römische Gassen.palma
Im ersten Roman der neuen Reihe ermittelt der aus Sizilien stammende Caselli hinter den Kulissen von Santa Cecilia, dem Konzerthaus und berühmten Orchester Roms. Er ist ein Mann der leisen Töne und steht zumindest in diesem Roman nicht im Mittelpunkt.
Diesen Part übernimmt eindeutig die deutsche Violinistin mit dem seltsamen Künstlernamen Geraldine Dvorsky . Sie ist jung und schön und steht am Anfang einer glänzenden Karriere, als Sie sich bei einem Autounfall einen komplizierten Bruch im Handgelenk zuzieht. Damit zerbricht auch ihr Lebenstraum und sie verfällt in Melancholie.
Kurze Zeit nach dem Unfall wird der Fahrer des Wagens tot aufgefunden. Er ist an einer Überdosis Drogen gestorben. War es ein Unfall oder Mord? Natürlich wird Geraldine verdächtigt. Caselli beginnt zu ermitteln.
Die Autorin fährt ziemlich viel Personal auf, so dass ich mich bei der Lektüre hin und wieder fragen musste, „wer war jetzt wieder dieser Fulvio?“, „ist David der Geliebte oder dessen Sohn?“ Ich fand es deshalb am Anfang ziemlich schwierig, in die Geschichte einzutauchen. Palma bemüht sehr viel musikalisches Vokabular, was mir manchmal sehr bemüht und zuweilen auch übertrieben vorkam. Hier ein Beispiel, das mich ungewollt zum Lachen brachte: „Sie sah Richards intensiven Blick auf sich gerichtet. Ihre Augen schienen für einen Augenblick ineinander zu versinken, und in ihrem Kopf erklang kraftvoll ein Fis-Moll-Akkord.“
Für die authentische Stimmung lässt die Autorin ganze Sätze italienisch unübersetzt, wenn es sich zum Beispiel um Fragen des Kellners oder um Begrüßungen handelt. Da ich selbst italienisch verstehe, kann ich nicht beurteilen, wie das bei anderen Lesern ankommt.
Insgesamt ein in sich stimmiger Krimi mit überraschenden Wendungen am Schluss. Für Liebhaber des Genres zu empfehlen mit dem Plus an italienischer Lebensart und  musikalischem Know-How.
Römische Ermittlungen : ein Fall für Commissario Caselli. Kriminalroman. – Köln: Bastei Lübbe, 2016. – Digitale Originalausg. ; überarb. Neuaufl. von „Römisches Requiem – Commissario Caselli hört Musik“ (Bastei Entertainment). – ISBN 978-3-7325-2618-5

Dienstag, 3. Mai 2016

Rom : ein Reiseknigge... unerlässlich für Ihren nächsten Romtrip

Kennen Sie das auch? Sie besorgen sich vor einer Reise ein paar Bücher, die sich mit dem Reiseziel befassen. Diese blättern Sie relativ uninteressiert durch und beschließen, sie während der Reise vor Ort zu konsultieren. Das tun Sie dann auch mehr oder weniger effektiv. Erst wenn Sie wieder zuhause sind, könne Sie die Lektüre richtig genießen, denn nun wissen Sie aus eigener Anschauung wovon der Autor spricht.

ACHTUNG! Tun Sie das nicht bei diesem Buch! 
Diesen Reiseknigge für Rom müssen Sie unbedingt vor der Reise in die ewige Stadt lesen. Ihr Aufenthalt dort wird ein Erfolg. Sie können die üblichen Touristenfehler von vorneherein vermeiden und sparen sich auf diese Weise Zeit und Enttäuschungen.
Und was das Schönste ist: dieser Fettnäpfchenführer liest sich richtig gut. Obwohl ich selbst Rom sehr gut kenne, hat mich die Lektüre nicht eine Sekunde gelangweilt. Ständig konnte ich nicken und der Autorin Nicole Testa-Kerpen innerlich zustimmen. Ja, sie weiß wovon sie spricht!
Erstaunlich auch die Fülle der handfesten Informationen, die hier auf nicht einmal 300 Seiten versammelt sind. Neben geschichtlichen und anderen wissenschaftlichen Fakten streut Sie eigene Erlebnisse aus dem nicht immer leichten Alltag mit Kindern und Familie in Rom ein.
Sehr hilfreich sind ihre zwischen die Kapitel gestreuten Listen "10 x ...", die ganz praktisch das jeweils besprochene Thema angehen. Ebenso wichtig die Liste "10 x Besser nicht ..."
Hier mal nur z.B. Punkt 5: Eine Dreitageskarte für den Hop-on-Hop-off-Bus kaufen. Was in anderen Städten eine gute Idee ist, ist in Rom wegen der vielen Busse, die einen günstig überall hinbringen, gar nicht nötig. Mit diesem Tipp spart man sich locker 25 € und viel Frust.

Mit diesem Reiseführer sind Sie gewappnet, eine der schönsten Städte der Welt zu erobern, ohne vom Verkehr, den hohen Preisen, den Wartezeiten, dem Touristenrummel übermäßig genervt zu werden, weil Sie es ab jetzt besser wissen. Nach der Lektüre können Sie sich schon ein wenig als Insider fühlen.

Wenn Sie nur ein einziges Buch für Ihre nächste Romreise anschaffen wollen, nehmen Sie dieses!


Rom : ein Reiseknigge für die ewig Schöne auf sieben Hügeln / Nicole Testa-Kerpen. - 1. Aufl. - Meerbusch: Conbook-Verl., 2016. - 279 S., Ill., Kt. (inkl. e-Book). - (Fettnäpfchenführer Stadt-Edition) ISBN 978-3-95889-107-4 kart., 11,95€




Freitag, 8. Januar 2016

In bocca al lupo! - Bessersprecher Italienisch

In bocca al lupo!

Wie bitte? Will mein (italienisches) Gegenüber mich in den Tod schicken – ich soll in das Maul des Wolfes? Oder vielleicht meint er „in die Höhle des Löwen“? Nein, ganz im Gegenteil, er wünscht mir das, was ich im Maul des Wolfes wohl am meisten brauchen kann: viel Glück!

Sie können eigentlich schon ganz passabel italienisch sprechen? Trotzdem sind Sie noch unsicher wegen ähnlicher Situationen? Oder Sie möchten wirklich gut mitreden – zum „Bessersprecher“ werden? Dann ist das Buch von Sandro Mattiolo und Francesco Bianco genau das Richtige für Sie.
150 Redewendungen des Italienische sind hier sehr vergnüglich aufbereitet und dargebracht.
In 10 Rubriken von „Tierisches“ bis „Handel und Wirtschaft“ werden alle Lebensbereiche abgedeckt. Zu jedem Ausdruck werden einige Beispielsätze mit den dazugehörigen Vokabeln geliefert. Außerdem gibt es Übungsfragen („Mettetevi alla prova!) und Lösungen. Im Anhang findet man alle Redewendungen dann noch einmal alphabetisch sortiert.
Zwischen den Beispielen gibt es kleine Exkurse („Buono a sapersi“) zu allen möglichen Themen – kleine Anekdoten und Informationen über Italien, was man so noch nicht gewusst hatte.
Das genialste an dieser Sammlung von idiomatischen Ausdrücken ist in meinen Augen die Kennzeichnung jedes einzelnen Ausspruchs in 5 Kategorien, von beleidigend über umgangssprachlich bis hin zu gehoben. 





Was nützen mir perfekt geäußerte Redewendungen, wenn ich damit von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpere.* („Potrebbe lasciare l'amaro in bocca.“)
Eine klare Empfehlung für dieses unterhaltsame Kompendium – auch in Vorbereitung eines Urlaubs in Italien. Selbst wenn man nicht alle Redewendungen lernen kann, so bekommt man doch einen sehr guten Eindruck in die italienische Mentalität.



* siehe hierzu auch von Sandro Mattiolo: Fettnäpfchenführer Italien aus dem gleichen Verlag

Mittwoch, 12. November 2014

Se Steve Jobs fosse nato a Napoli

Ein cooles Buch. Leider nur auf Italienisch. Trotzdem oder gerade deshalb, ich tauche ab in die Gassen der Quartieri Spagnoli, rieche den Tuff und höre den Sound dieser einmaligen Stadt. Und mich packt das Heimweh.

Antonio Menna: Se Steve Jobs fosse nato a Napoli


Freitag, 18. Mai 2012




Glanz ist am kleinsten Balkon

Wir sind in Grottaglie, einem kleinen Ort nahe der ionischen Küste in Apulien.
Der antike Stadtkern gehört zu den versteckten Schätzen der Gegend. Denn “Li Vurtagghie” wie Grottaglie im lokalen Dialekt heißt, ist auch heute noch von Einheimischen bewohnt, während sich viele historische Stadtkerne der Gegend immer mehr entvölkern. Dennoch zählt das Städtchen nicht zu den klassischen Sehenswürdigkeiten der Gegend. Zu Unrecht, wie ich finde.
Grottaglie ist berühmt für seine antike Keramiktradition. Der Boden hier besteht zu großen Teilen aus Lehm, dem Grundmaterial für die Keramikproduktion. In den vielen Grotten, die dem Ort seinen Namen gegeben haben, wurden in der Antike die Holzöfen zum Brennen des Tons eingerichtet.
Im berühmten „Quartiere delle ceramiche“ kann man die prachtvollen Produkte dieser jahrtausendealten Kunst bewundern und natürlich auch erwerben. Das Keramikviertel beginnt an der südlichen Grenze der Altstadt, jenseits der antiken Stadtmauer (Via Crispi). Hier befinden sich viele der kleinen Keramikbetriebe, jeder mit seiner persönlichen Handschrift, Zeugnis einer langen Familientradition.
Auf der anderen Seite der Mauer erstreckt sich der alte Stadtkern. Auch hier überall Zeugnisse der örtlichen Handwerkskunst. Wohin man blickt, sieht man etwa die “Pumi” wie sie im örtlichen Idiom genannt werden. Die glänzenden Keramikornamente an den Balkons gelten seit jeher als Glücksbringer. Natürlich kann man sie auch einfach aufstellen, als reizvollen und originellen Blickfang. Es gibt sie in vielen verschiedenen Farben und Kombinationen.
Grottaglie weiß, wie man sich in Szene setzt. Sie fühlen sich inspiriert?
Auf www.miapuglia.de finden Sie eine große Auswahl an Keramik aus Grottaglie, zu lokalen Preisen. Und natürlich weitere typische Produkte aus Apulien sowie Reisetipps und Rezepte. Ich freue mich auf Ihren Besuch. 

Dienstag, 15. Mai 2012

Pulizia, pulizia, pulizia

Bestechung und Korruption / Italiens Parteien faulen von innen
 
In Italien jagt derzeit ein Korruptionsskandal den anderen. Lesen Sie die Einschätzung  von Klaus J. Schwehn in seinem Artikel im Online-Magazin "The Europaein Circle" von Mittwoch, 9. Mai.
 

Donnerstag, 8. März 2012

Otto Marzo! Festa della Donna! Auguri a tutte!

Ich sitze im kalten Hamburg und würde gerne mit den "donne" mitfeiern.

Und da ich kein Mimosenbild habe, muss es das schöne Blauregenhimmelbild aus dem Hof des Ospedale della pace in Neapel tun.

Monti stellt Italien vom Kopf auf die Füße

Ein Netz von Steuerfahndern überzieht das Land

Von: Klaus J. Schwehn

Der amtierende italienische Ministerpräsident Mario Monti, nicht gewählt und doch von einer breiten Mehrheit im Parlament getragen, mutet den Italienern zu Beginn des Jahres 2012 einiges an Opfern zu. Er kann dies auch ungeniert tun, denn er will zu den ordentlichen Parlamentswahlen im Jahr 2013 nicht antreten; zu diesem Zeitpunkt sieht er seine Mission als beendet an. Das hat er Anfang Februar in einer Pressekonferenz erneut deutlich gemacht: "Dopo il 2013 non ci sarò" – nach 2013 stehe ich nicht mehr zur Verfügung. Und weil im Lande mit Blick auf die Mafia nicht wenige munkeln, Montis scharfer Sparkurs könnte ihm auch leiblichen Schaden zufügen, betonte er zugleich mit schmalem Lächeln: "Spero di essere vivo" – ich hoffe, dann auch noch zu leben.  mehr

Zitierung mit Genehmigung des Onlinemagazin "European Circle" ( http://www.european-circle.de )

Benvenuti Ciao Willkommen ...

... zum Blog der Website "Brücke von Deutschland nach Italien".